July 12, 1972
Renate Jacobi
Wolfhart Heinrichs
Saarbrücken

Transcription

Prof. Dr. Renate Jacobi


Institut für Orientalistik

Universität des Saarlandes

66 Saarbrücken


12.7.1972


Sehr geehrter Herr Heinrichs,

in beiliegendem Aufsatz habe ich mich so oft auf Ihre Arbeit „Arabische Dichtung und griechische Poetik“ bezogen, dass es mir angebracht erscheint, Ihnen einen Sonderdruck zu übersenden. Zudem haben Sie in Ihrer kürzlich erschienenen Rezension zur Arbeit von Herrn Bürgel einiges Kritische zum Begriff des Manierismus in der arabischen Literatur bemerkt (S. 170 ff.), das auch mich trifft, da ich den Begriff sehr ähnlich verwende wie Herr Bürgel. Vielleicht kann ich Ihrer Kritik auch an meiner Darstellung mit Folgendem zuvorkommen: Ich stimme den von Ihnen geäußerten Vorbehalten grundsätzlich zu, zum Teil habe ich sie – vielleicht allzu selbstverständlich – vorausgesetzt. Das gilt auch für die vorgeschlagene Definition (Manierismus als Grundmöglichkeit des Dichtens überhaupt), die auf dem heutigen Forschungsstand sicher noch nicht endgültig zu präzisieren ist. Sie ist in meinen Augen nicht nur zutreffend, sondern einzig möglich; wenn man einen literaturwissenschaftlichen Begriff auf zwei voneinander unabhängige Literaturen anwenden will, kann es sich nur um ganz elementare Tendenzen handeln. Ihre Ausführungen scheinen mir jedoch sehr nützlich, da Sie die Problematik des Falles deutlicher, als es bisher geschehen ist, formulieren. In einem Punkt möchte ich Ihnen auf Grund meiner heutigen Anschauung – vorbehaltlich späterer Sinnesänderungen – widersprechen. Ich meine, dass auch die ‘Abbasidenliteratur ihre „Klassik“ hat, zu der sie in Opposition steht und aus der sie schöpft: die altarabische Poesie und was in ihre Tradition gehört. Ich muss aber einräumen, dass ich vorerst nicht imstande bin, die Oppositionen genau auszuführen.


Es wäre erfreulich, wenn sich die Diskussion auf diesem Gebiet im Lauf der Jahre fortsetzte. Ich darf wohl annehmen, dass Sie in dieser Richtung arbeiten?


Mit freundlichen Grüßen

  1. 1Renate Jacobi, "Dichtung und Lüge in der arabischen Literaturtheorie", Der Islam 49 (1972): 85-99.
  2. 2Wolfhart Heinrichs, Arabische Dichtung und griechische Poetik. Ḥāzim al-Qarṭāǧānnīs Grundlegung der Poetik mit Hilfe aristotelischer Begriffe. Wiesbaden-Beirut: Franz Steiner Verlag, 1969 (Beiruter Texte und Studien 8).
    https://www.opendata.uni-halle.de/handle/1981185920/114240?locale=de
  3. 3Wolfhart Heinrichs, "J. Christoph Bürgel: Die ekphrastischen Epigramme des Abū Ṭālib al-Maʾmūnī. Literaturkundliche Studie über einen arabischen Conceptisten." In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. I. Philologisch-historische Klasse. Jahrgang 1965. Nr. 14 (= S. 217-322)",  ZDMG 121 (1971), 166-190.
    https://opendata.uni-halle.de//handle/1981185920/113188
  4. 4Johann Christoph Bürgel, "Die ekphrastischen Epigramme des Abū Ṭālib al-Maʾmūnī. Literaturkundliche Studie über einen arabischen Conceptisten", Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. I. Philologisch-historische Klasse. Jahrgang 1965. Nr. 14 (publication Juli 1966), 221-322.

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