W.Heinrichs
63 Giessen
Kohlweg 18
Giessen, den 20.7.1972
Frau
Prof.Dr. Renate Jacobi
Institut für Orientalistik
Universität des Saarlandes
66 Saarbrücken
Sehr geehrte Frau Professor Jacobi,
haben Sie recht herzlichen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 12.7. und insbesondere für die Übersendung des Sonderdrucks, den ich, wie Sie sich denken können, mit sehr grossem Interesse gelesen habe. Lassen Sie mich gleich auf Ihre brieflichen Bemerkungen zum Manierismus-Problem eingehen. Ich freue mich, dass Sie meinen in der Bürgel-Besprechung hierzu geäußerten Gedanken grundsätzlich zustimmen. Ich habe übrigens dieses Thema zu einem Referat, gehalten auf dem Kongress in Canberra, und schließlich zu einem Aufsatz ausgebaut, welch letzterer in der Festschrift für Fritz Meier erscheinen soll.
Darin bin ich auch auf den Einwand eingegangen, man könne doch die altarabische Poesie als die “Klassik” der abbasidischen auffassen. Gewiss ist es möglich und auch angemessen, die vor- und frühislamische Dichtung mit diesem Begriff zu etikettieren. Nur, <u>dieser</u> Klassik-Begriff hat mit der “Klassik” als Curtius’scher Konstante (Gegenpol zu “Manierismus”) nichts zu tun. Die erstgenannte “Klassik” kann man am besten durch ihre wesentlichen Elemente charakterisieren, nämlich a) Mustergültigkeit, b) Kanonbildung und c) die Tatsache, dass die in diesem Sinne klassischen Dichter immer die “Alten” sind. Dagegen ist die “Klassik” im zweiten Sinne eine Kunst-, Denk- und Stilform, welche, jedenfalls wenn man Curtius’ Auffassung von der abendländischen Literaturgeschichte folgt, in ständigem Streit mit einer anderen, in vielen kontradiktorisch entgegengesetzten Kunst-, Denk- und Stilform liegt, eben dem “Manierismus”. Klassik Nr. 1 ist etwas historisch einmaliges, Klassik Nr. 2 ist eine zeitlose Konstante, welche sich zuzeiten aktualisiert, und potentiell immer vorhanden ist.
Ich habe in meinem Aufsatz sodann noch versucht, verschiedene Hintergründe, durch die man das Curtius’sche Begriffspaar wieder in die arabische Literaturgeschichte hineinbringen könnte, zu schließen, um dann eine neue Definition vorschlagen zu können. Sobald ich Sonderdrucke davon in Händen habe (bisher habe ich allerdings nicht einmal die 1. Korrekturen bekommen), werde ich einem davon die Ehre erweisen, auf Ihrem Regal zu stehen.
Es würde mich freuen, wenn ich auch zu diesem und anderen darin angeschnittenen Problemen und ihrer Behandlung Ihre Zustimmung erhalten könnte.
Als ich den Titel Ihres Aufsatzes las, bekam ich zunächst einen Schreck, weil nämlich Herr Bürgel einen Aufsatz mit dem Titel “Die beste
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Dichtung ist die lügenreichste” (und einem Untertitel, den ich vergessen habe) schon seit längerem in petto hat (er sollte, glaube ich, im vorigen “Oriens” erscheinen, aber es kam vonseiten der Redaktion irgendetwas dazwischen), und ich befürchtete natürlich, dass wieder einmal zwei Gelehrte unabhängig voneinander dasselbe gemacht hätten. Herr Bürgel hatte mir seinerzeit (Mitte 1970) die 1. Korrektur seines Aufsatzes mit der Bitte um Stellungnahme zukommen lassen, und soweit ich mich erinnere, sind die Überschneidungen mit Ihrem Aufsatz gering. Sein Aufsatz liegt mehr in der Linie seines Brüsseler Vortrages.
Nun zur Hauptsache! Mit dem ersten Teil Ihres Aufsatzes, der um das Problem “Dichtung-Wahrheit-Religion” kreist, bin ich sehr einverstanden. Dagegen würde ich gerne den zweiten Teil (ġulūw, taḫyīl, Manierismus u.ä.) mit Ihnen diskutieren, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich mir Ihre Hauptthese zu eigen machen kann. Das hängt alles von der Bewertung der beigebrachten Tatsachen ab. Die konträre Haltung, welche Ibn Rašīq Ihrer Ansicht nach gegenüber al-Ǧurgānī in der Frage der durch den abbasidischen Manierismus aufgekommenen “Unwirklichkeiten” der Dichtung einnimmt, und die Linien, die Sie zwischen den Qudāma und Ibn Rašīq einerseits und zwischen al-Buḥtūrī und al-Ǧurǧānī andererseits ziehen – das alles wirkt sehr bestechend, aber trotzdem bleiben Bedenken. Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie die Asrār als eine Poetik des Manierismus kennzeichnen, wobei man allerdings sofort hinzufügen muss, dass die Asrār sich ja fast ausschließlich mit der Bildersprache beschäftigen. Die Bildersprache macht aber in der Tat das Zentrum manieristischen Dichtens aus (vgl. Arnold Hauser, Der Manierismus (München 1964), S. 287: “Der Abstand von der gewöhnlichen Sprache kommt in der Dichtung des Manierismus nicht durch den Ton, sondern durch das Bild zustande.”), so dass man über das Fehlen der übrigen formalen Manierismen hinwegsehen kann. Desgleichen ist zu zugeben, dass Ibn Rašīq ein Vertreter des waṣf-Charakters der Dichtung (ʿUmda II, 294), was die ṣidq-Forderung impliziert, und ein Advokat des wasāṭ, der Vermeidung von Extremen, ist (Vgl.z.B. ʿUmda I, 271, zur istiʿāra). Insoweit ist ein gewisser Antagonismus zwischen den beiden Theoretikern durchaus gegeben, er müsste nur noch näher definiert werden. Was aber die poetische “Lüge” betrifft, so liegen ihr doch – auch in Ihrer Darstellung – bei den beiden Poetikern verschiedene Sachverhalte zugrunde: taḫyīl bei al-Ǧurgānī, ġulūw bei Ibn Rašīq. Ist diese unterschiedliche Ausgangslage belanglos, darf man sie unter den Teppich kehren? Doch wohl nur dann, wenn man gleichzeitig zeigen kann, dass al-Ǧurgānī den ġulūw uneingeschränkt billigt (in den Asrār behandelt er ihn, soweit ich sehe, nirgends, die Dalāʾil habe ich nicht zur Hand) und dass Ibn Rašīq dem taḫyīl skeptisch gegenüber steht. Letzteres ist natürlich schwer nachzuweisen, weil ihm er nicht über die Ǧurgānische Terminologie verfügt und wohl auch keine klare Einsicht
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in die damit zusammenhängenden Probleme hat; aber taḫyīl-haltige Verse kommen bei Ibn Rašīq vor, ohne dass sie abqualifiziert werden. Ich glaube daher, dass Ibn Rašīqs ġulūw-Abneigung etwas überinterpretiert ist, wenn man sie als Anti-Haltung zu den “Unwirklichkeiten” des arabischen Manierismus auffasst. Übrigens wollen Sie – im Interesse einer klaren Opposition – im Falle der Ğurğānischen Unklarheit hinsichtlich der Bevorzugung der ʿaqlī- oder der taḫyīlī-Dichtung den Akzent etwas anders setzen, als ich das getan habe. Wenn Sie das aber tun, so bezichten Sie al-Ǧurğāni der Unredlichkeit, und ich glaube, dass das gar nicht notwendig ist, denn es ist ja ganz evident, dass für ihn die “phantastische” Dichtung viel wichtiger und interessanter ist, ganz gleich, ob er nun expressis verbis das Gegenteil behauptet oder nicht. Ich bin xxxx, davon abgesehen, immer noch der Meinung, dass xxx seine Bevorzugung der “Vernunft”-Dichtung ehrlicher Überzeugung entspringt. Al-Ǧurğāni war ein frommer Mann (s. Ritter in Einl. zu Asrār, Übers., S. 11) und glaubte sicher fest an den iṣāz; wenn er also durch seine tiefdringenden taḫyīl-Erörterungen implizit seiner Anschauung vom Vorzug der ʿaqlī-Dichtung widerspricht, so betrügt er allenfalls sich selbst, will aber, glaube ich, nicht seinem Leser etwas vormachen.
Die Linie von Qudāma zu Ibn Rašīq kann man sicher trotz der unterschiedlichen Haltung zum ġulūw gelten lassen, da ja Qudāma, wie Sie richtig sagen, die Hyperbel als Gleichnis rechtfertigt und so den kaḏib wieder in den Bereich des ṣidq zurückbringt (so habe ich das auch gesehen, Ḥāzim S.60 u. 61). Ansonsten ist Ibn Rašīq manchmal etwas “moderner”, poetischer denn als Qudāma mit seinem gesunden Menschenverstand, so z.B. in der Frage der beiden Vergleichsgegenstände im tashbīh: Qudāma verlangt, dass sie einander möglichst nahe sind im Genus, während Ibn Rašīq ihm hier entschieden widerspricht. Die Linie von al-Buḥturī zu al-Ǧurğāni hat letzteres schon selbst gezogen, es fragt sich aber, ob al-Buhtūrī seinerzeit in etwa dasselbe im Auge gehabt hat wie al-Ǧ. (also taḫyīl-Scheinargumentationen u.ä.). Mir scheint eher, dass der Dichter xxx an solche Dinge gedacht hat, wie sie Ibn Rašīq im bāb al-išāra (ʿUmda I., 302 ff.) beschreibt. Diese Dinge (also taʿrīd, waḥy, kināya, ramz etc.) werden zwar auch von der manieristischen Dichtung ausgebeutet, sind aber in sich nicht so typisch dafür, sie kommen ja auch in der altarabischen Dichtung nicht selten vor. Ich würde diese Verszeilen darum auch nicht für einen frühen “Hinweis auf eine Stilrichtung …”, die sich im 9. Jh. allmählich herausbildet” (S. 93, gemeint ist doch der manierist. Stil?), halten. Bei den Hyperbel-Zitaten aus der ʿUmda (auf S. 94) ist noch zu beachten, dass das erste und das zweite Zitat (mit den Fussn.-Nr. 34 u. 35) nicht Ibn Rašīqs eigene Worte sind, sondern Zitat aus einem namentlich nicht
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genannten Poesie-Kritiker (das Zitat reicht von ʿUmda II, 53,11 “qāla baʿḍu l-ḥuddāqi bi-naqdī š-šiʿri” bis 54,8 “inqaḍā kalāmuhū”). Ibn Rašīq wird sich auch nicht selbst hinter dieser Bezeichnung verbergen, denn er kritisiert ja den Inhalt des Zitats teilweise: illā annahū fīmā yazgharu min faḥwāhu lam yurid illā mā kāna fīhi buʿdun wa-laisa kullu mubālāġatin ka-ḏālik. Diese Kritik zeigt gleichzeitig, dass sich an Ihrer Argumentation durch die Tatsache, dass hier ein Zitat vorliegt, nichts ändert. Denn an und für sich sind mubālağa und ġulūw bei Ibn Rašīq nicht identisch (mubālaġa ist “Steigerung”, zum Zwecke der Steigerung bedient man sich u.a. des ġulūw, der also eine Unterart der mubālaġa ist, neben beispielsweise der Eigenschaften häufig (tarāduf aṣ-ṣifāt) und überhaupt den meisten Vergleichen und Metaphern, vgl. ʿUmda II, 55,8ff.” “fa-amma l-ġulūw…”), die anonyme Autorität scheint dagegen mit ihrer mubālaġa hauptsächlich den ġulūw zu meinen, so dass diese Ansichten ohne weiteres auch von Ibn Rashīq in Bezug auf den ġulūw hätten geäußert werden können. – Noch eine Kleinigkeit: Sie sprechen auf S. 97 ganz richtig von dem “wertneutralen Sinn”, in dem man den Ausdruck “manieristisch” benutzen soll, reden aber auf S. 93 von “Anzeichen der Entartung” (inwiefern “Entartung”?!) und auf S. 98 von der “Hauptschwäche” manieristischer Dichtung, nämlich dass sie nicht die Welt, sondern die vorliegende Literatur zum Gegenstand hat (lies: “Hauptcharakteristikum”). Da handeln Sie Ihrem eigenen Postulat entgegen, wie ich mit schadenfrohem Grinsen feststellen muss! Schließlich möchte ich in Spitalerscher Manier noch zwei Blattläuse ablesen (dieser Ausdruck ʿan Spitaler ʿan August Fischer), nämlich S. 90 lies bi-maʿzilin, S. 94 lies wa-l-mutaʿārafi.
Ich würde mich freuen, wenn sich die Diskussion über dieses und ähnliche Themen aus der arabischen Literaturtheorie fortsetzen liesse. Im Augenblick bin ich selbst allerdings nicht auf diesem Gebiete tätig, ich habe umgesattelt und beschäftigte mich jetzt mit dem Ḥanbaliten Naǧmaddīn ʿaṭ-Ṭaufī, einem Zeitgenossen (ungefähr) von Ibn Taimīya (im Augenblick editorische Arbeit). Was die Literaturtheorie angeht, so ist außer dem Manierismus-Aufsatz noch ein weiterer im Druck (?, hoffentlich), nämlich “Literary Theory: The Problem of Its Efficiency”, der zum größten Teil auf meinem Levi-Della-Vida-Vortrag im Mai vergangenen Jahres in Los Angeles beruht. Das Thema hatte mir der leider viel zu früh verstorbene Professor von Grunebaum gestellt, und ich hatte akzeptiert, ohne die richtige Vorstellung zu haben, auf was ich mich da einlasse. Solch ein Thema sollte man lieber in der Rückschau auf ein reiches und erfülltes Gelehrtenleben behandeln, und nicht als Anfänger ohne ausreichende Belesenheit. Das Endprodukt hat denn auch so etwas wie mixed-pickles-Charakter, hiervon ein bisschen, davon ein bisschen und mit ein wenig Theorie-Essig angerichtet.
Mit den freundlichsten Grüßen W. Heinrichs
b.w.!
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1.PS: Im Augenblick schreibe ich gerade einen madīḥ auf Ihre Studien zur Qaṣīdenpoetik für den “Islam”. Ein langersehntes, bahnbrechendes Werk, zu dem ich Sie herzlichst begrüße!
2.PS: Ich erlaube mir, mit gleichen Post [^1] je einen Sonderdruck der Bürgel- und der Bonebakker-tauriya-Besprechung ~~als Drucksache~~ an Sie abzu-
senden. Besseres leider momentan nicht verfügbar, s.o.!
3.PS: Übermitteln Sie bitte meinem verehrten Lehrer (2 Sem. Tübingen) Herrn Prof. Gätje meine besten Empfehlungen.
[^1]: vielmehr beiläufig (ist billiger)