Prof. Dr. Renate Jacobi
Institut für Orientalistik
Universität des Saarlandes
66 Saarbrücken
14.8.1972
Sehr geehrter Herr Heinrich,
vielen Dank für Ihren Brief und die beiden Sonderdrucke. Ihre Einwände waren mir ein willkommener Anlass, meine Argumentation nochmals gründlich zu überdenken. Außerdem haben Sie mich auf ein paar Leichtfertigkeiten in der Darstellung hingewiesen, was ich dankbar vermerke. Die Sache war ursprünglich für Nichtorientalisten bestimmt, das schimmert leider zuweilen noch durch. Im übrigen sei Ihnen ein bisschen Schadenfreude durchaus gegönnt, vielleicht findet sich eine Gelegenheit zur Revanche!
Ihr Haupteinwand richtet sich wohl gegen die Kontrastierung von Ğurgānī und Ibn Rašīq mit der Begründung, daß der eine bei seinen Theorien vom taḫyīl, der andere vom ġulūw ausgehe. Für Ibn Rašīq trifft das sicherlich zu; den Begriff des taḫyīl im Sinne der Scheinargumentation hat er offenbar nicht gekannt. In Ğurgānīs Fall schwankte ich etwas. Daß er den ġulūw als Stilfigur nicht behandelt, ist verständlich, denn sein Interesse gilt der Bildersprache, und Vollständigkeit in der Behandlung der Stilmittel strebt er gar nicht an. Ich habe aber erwogen, ob nicht seine allgemeine Erörterung der “wahrhaftigen” und der “lügenhaftigen” Dichtung (Asrār 16/5), die ich z.T. zitiert habe, den ġulūw (und andere Stilmittel) einschließt? Ich denke besonders an die Stelle: maḏhab al-mubālaġa wa-l-iġrāq fī l-madḥ wa-ḏ-ḏamm… (Asrār S.250,15), dazu an den ganz unspezifischen Gebrauch von taḫyīl in dem Abschnitt (S. 250,13). Der Terminus igrāq ist mehrfach als Synonym zu ġulūw von Ibn Rašīq gebraucht (z.B. ʿUmda II 64,14). Wenn man Ğurgānī’s Beschreibung der “lügenhaftigen” Dichtung mit seiner späteren eingeschränkten Anwendung des tahyīl (16/19ff.) vergleicht, empfindet man einen gewissen Widerspruch. Vor allem der Ausschluß der Metapher ist von ihm nicht überzeugend begründet, aber hier spielt natürlich das Problem des I’gāz hinein; ich stimme in diesem Punkt Ihrer Darstellung (Poetik S. 63) völlig zu. Zur Frage der “Unredlichkeit” Ğurgānīs: davon kann natürlich keine Rede sein. Aber Selbstbetrug und daraus resultierende Widersprüche halte ich für offensichtlich. Vielleicht habe ich Sie in dieser Hinsicht nicht ganz richtig interpretiert.
Ob nun Ğurgānī den ġulūw einbezieht oder nicht – selbst wenn er
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Ihn mißbilligte, könnte er das kaum mit denselben Argumenten tun wie Ibn Rasiq, nach allem was er über den taḫyīl sagt. (Ebenso könnte Ibn Rašīq, nach dem taḫyīl befragt, allenfalls erklären, daß er “trotzdem” schön sei.) Ich würde also Ihre Frage, ob man den unterschiedlichen Ausgangspunkt der beiden Theoretiker außer acht lassen darf, in diesem Fall bejahen. Ich hatte in meinem Aufsatz zunächst die Absicht, die Bedeutung und Bewertung der poetischen Lüge bei den einzelnen Autoren zu zeigen. Dieser Teil habe ich nach der Lektüre Ihres Buches übrigens etwas gekürzt, da Sie sehr ausführlich darauf eingehen. Bei der Gegenüberstellung von Ğurgānī und Ibn Rašīq, bzw. al-Buḥturī und Qudāma, ist der Vergleichspunkt nicht mehr die Behandlung eines Stilmittels, sondern die Einstellung zur Dichtung, oder zum Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit, das sich in der Behandlung eines oder mehrerer Stilmittel manifestiert. In diesem Punkt ist der Unterschied zwischen Ğurgānī und Ibn Rašīq in meinen Augen erwiesen. Hypothetisch bleibt, inwieweit Ibn Rašīq in seinen Anschauungen durch die Dichtung seiner Zeit beeinflußt ist. Darüber hinaus bin ich wie Sie überzeugt, daß zu diesem Thema noch sehr viel mehr zu sagen ist.
Der Fall des Buḥturī liegt problematischer, das geschehe Ich Ihnen zu. Die Interpretation einer so aphoristischen Äußerung kann ohne gründliche Analyse des Dichters nur als Vermutung gelten. Ğurgānīs Verständnis der Verse ist sicher nicht historisch und daher auch nicht beweiskräftig. Ich würde aber die These aufrecht erhalten, daß die Verse al-Buḥturīs ein bestimmtes Verhältnis zur Dichtung ausdrücken, das durch Aufzählung von Stilmitteln allein nicht hinreichend erfaßt ist. Mit der “Stilrichtung, die sich im 9. Jahrhundert herausbildet”, meine ich nicht den Manierismus sondern den Badīʿ, in dem ich eine Vorstufe oder Voraussetzung für die Entwicklung zum Manierismus sehe. Daher habe ich mißverständlicherweise von einer einzigen Stilrichtung gesprochen; hier wäre eine Erläuterung am Platze gewesen. Zur Verbindung von al-Buḥturī und Badī’ kann man natürlich einwenden, daβ der Dichter von der arabischen Literaturkritik für die traditionelle Poesie beansprucht wird. Er erscheint der Gegensatz Abū Tammām – al-Buḥturī jedoch sehr formalisiert, was äußere Gründe – z.B. die prominente Stellung beider als Hofdichter haben könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die betreffenden Verse ohne die Wandlung des literarischen Geschmacks im 9. Jahrhundert möglich wären. Um Mißverständnissen vorzubeugen: das Problem des Badīʿ mit allen seinen Implikationen sowie andere literarische Strömungen im 9. Jahrhundert sind mir bei weitem nicht so klar, daβ ich gerne in Hypothesen darüber ausbreche, dies, obwohl die For-
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schungslage für diese Epoche nicht ganz so ungünstig ist wie für andere Zeiten. Meine Skepsis richtet sich allerdings nicht nur gegen meine eigenen Theorien.
Sie stoten sich an dem Wort “Entartung”, wobei ich nicht weiß, ob Sie darin nur eine fragwürdige mubālaġa sehen (d’accord), oder ob Sie so neutral sind, negative Wertungen über poetische Manierismen jeder Art abzulehnen. In den Sätzen von Horn, die Sie in Ihrer Bürgelrezension sitieren (S. 171), stört mich nicht das negative Urteil an sich, sondern die Behauptung, daß die gleichen Ausdrucksformen, die im Deutschen “Geschmacksverirrungen” darstellen, im Persischen “natürlich” seien. Selbstverständlich streite ich nicht über die Banalität, daß Geschmack zeitgebunden ist, und daß die Beurteilung fremder oder zeitlich fernliegender Literaturen historischer Relativierungen bedarf. Ich halte es aber grundsätzlich für möglich, Dichtung mit demselben ästhetischen Maß zu messen.
Zum Problem Klassik-Manierismus will ich mich lieber erst äußern, wenn ich Ihre Argumentation im Ganzen kenne, und sehe Ihrem Aufsatz mit Spannung entgegen, desgleichen Ihren Ausführungen zur “Literary Theory”. Die Frage (of its efficiency) beschäftigt mich seit langem, und so hoffe ich – trotz Ihrer vorsorglichen Dämpfung der Erwartungen – nicht unbelehrt (oder -genährt) zu bleiben. Bei dieser Gelegenheit kann ich vielleicht einen Einwand loswerden, der mir bei der Lektüre Ihres Buches, das ich sehr schätze, gekommen ist. Sie wollen ganz zu Anfang (S. 19) auf den “allgemeinen Charakter der arabischen Dichtung” eingehen, wie er am deutlichsten aus den Grundbegriffen der Literaturtheorie spricht”. Halten Sie es tatsächlich für erwiesen, daß die arabische Literaturtheorie die arabische Dichtung, wobei ich ebenfalls den “Hauptstrom” meine, angemessen repräsentiert? Für die altarabische Poesie würde ich das leugnen, auch für die Umaiyadendichtung. In der Abbasidenzeit mögen die Dinge etwas anders liegen, aber die genaue Beziehung oder Wechselwirkung von Poesie und Theorie ist noch nicht untersucht. Der Beweis steht also auch hier noch aus.
Leider bin ich für einige Zeit von der intensiveren Beschäftigung mit Literatur abgehalten, da ich die undankbare Verpflichtung übernommen habe, eine “Einführung in die Islamkunde” zu schreiben – auch eine Aufgabe, die einem Emeritus besser anstehen würde. Ich hoffe aber, nach Beendigung dieses Unternehmens in attraktivere Gegenenden zurückzukehren und würde mich freuen, wenn sich weitere Diskussionen ergäben.
Mit guten Wünschen für Ihre Arbeit und herzlichen Grüßen